Harmonie – nicht nur auf musikalischer Ebene

Seit nunmehr 20 Jahren ist es ein fester Bestandteil der Universität Kassel: das Sinfonie-Orchester. Einst zusammengekommen, um den Auftritt eines Kirchenchores zu unterstützen, entschieden einige Instrumentalisten kurzerhand, ihr Zusammenspiel unter der Leitung Michael Hollensteins als Orchester der Gesamthochschule Kassel fortzusetzen. Probleme der geeigneten Lokalität und der zunächst geringen Mitgliederzahl wurden erfolgreich überwunden und schon bald erste Auftritte im Rahmen der traditionellen Rundgänge an der Kunsthochschule veranstaltet. Im Jahr 1997 übernahm schließlich Malte Steinsiek die Leitung und dirigierte seitdem über 60 Konzerte.

Aktuell gehören dem Orchester etwa 70 Studenten und ehemalige Studierende an. Mit vier von ihnen habe ich gesprochen und erfahren, wie sich die Teilnahme am Orchester mit dem Studium vereinbaren lässt, wie sich der Entwicklungsprozess eines Programmes gestaltet und was sie ganz persönlich mit dem Orchester und seiner Musik verbindet.

Dass es mehr als ein Hobby ist, das man nebenbei ausübt, sondern vielmehr regelmäßiger und disziplinierter Widmung bedarf, wird schnell deutlich. Man müsse gut planen und die Zeit sowohl der gemeinsamen, aber auch der individuellen Proben durchaus bei der Zusammenstellung des Stundenplanes berücksichtigen, so Arne, 26, und Anne, 20. Wer sich für die Teilnahme am Orchester entscheide, sei sich dessen aber meist bereits bewusst, ergänzt Amelie, 23. Außerdem könne sich, wer Musik studiere, die Teilnahme über drei Semester kreditieren lassen, informiert Svenja, 27. „Nichtsdestotrotz: Man muss auch in der Lage sein, Prioritäten zu setzen und gegebenenfalls ein oder zwei Semester zu pausieren, wenn das Studium einmal mehr Aufmerksamkeit und Zeit erfordert“, gibt Arne zu bedenken.

Nicht zuletzt aus diesem Grund sind Neuzugänge stets willkommen. Auf die Frage, ob auch Anfänger teilnehmen können, entgegnet Svenja, dass man sein Instrument schon entsprechend beherrschen sollte, was, wie Anne anfügt, in der Regel einige Jahre kontinuierlichen Übens voraussetzt. Ein Vorspiel im Sinne eines Castings wird selten durchgeführt. „Weil man aber die Noten des kommenden Programmes bereits in den Semesterferien erhält, geben spätestens die ersten gemeinsamen Proben Aufschluss darüber, ob man den Anforderungen gewachsen ist“, klärt Amelie mich auf.

Das neue Programm wird oft bereits im noch laufenden Semester festgelegt. Dirigent und Konzertmeister treffen gemeinsam die Entscheidung über diejenigen Stücke, die für das Orchester umsetzbar sind. „Ob ein Stück spielbar ist, hängt immer von der aktuellen Besetzung des Orchesters ab“, so Amelie. Dabei werden Vorschläge der Mitspieler durchaus berücksichtigt. Unmittelbaren Einfluss auf den endgültigen Entscheidungsprozess hätten diese aber nicht, wirft Arne ein. 

Nachdem die Noten bestellt und die Striche eingerichtet sind, wird das Programm im Verlauf der vorlesungsfreien Zeit zur individuellen Vorbereitung an die Mitspieler verteilt, sodass die ersten gemeinsamen Proben noch vor Beginn des Semesters bereits erfolgen könnten. Die regulären, zweieinhalbstündigen Proben am Mittwochabend finden zunächst in den einzelnen Gruppen und unter der Leitung der Stimmführer statt. Diese fungierten als Glied zwischen dem Dirigenten einer- und den jeweiligen Gruppen andererseits und dienten den einzelnen Instrumentalisten als Orientierung, erklärt Anne. In den letzten Wochen des Semesters wird dann schließlich im Tutti geprobt. Neben zwei zusätzlichen Probewochenenden sind mittlerweile auch zwei Stimmproben unter der Leitung von Mitgliedern des Staatsorchesters Tradition. Arne: „Die sind im Gegensatz zu uns Laienspielern richtige Profis!“

Die Resultate der intensiven Vorbereitung präsentiert das Orchester dann im Rahmen zweier Konzerte unmittelbar vor den Semesterferien, wobei es sich meist um Kompositionen der Spätklassik, der Romantik oder des 20. Jahrhunderts handelt. Privat hören sie übrigens alle Musikrichtungen querbeet. „Weil man sich so bewusst und intensiv mit der Klassik auseinandersetzt, eignet sie sich einfach nicht dazu, nebenbei gehört zu werden“, betont Arne. Ich möchte wissen, ob die vier vor einem Konzert aufgeregt sind. „Vor bestimmten Stellen, auf jeden Fall, insbesondere den komplizierten Soli!“, bejaht Svenja. Weil dann anders als im Zusammenspiel bereits der kleinste Fehler auffallen könne, probe man diese Solostellen aber in der Regel besonders intensiv, räumt Arne ein. Dennoch: Eine gewisse freudige Anspannung bleibt bestehen „Einfach weil man mit dem Herzen dabei ist!“, vollenden Amelie und Anne einstimmig.

Und das dürfte zumindest auf den überwiegenden Teil der Mitspieler zutreffen, weshalb nicht wenige dem Orchester auch über das Studium hinaus treu sind, sodass, laut Arne, abgesehen der durch das Studium bedingten Fluktuation, der Kern stets bestehen bliebe. „Das ist in erster Linie für das Programm von Vorteil, weil man aufeinander eingespielt ist“, so Anne und Svenja. Neben der musikalischen Harmonie sind auch auf zwischenmenschlicher Ebene echte Freundschaften entstanden. Nicht zuletzt um diese zu pflegen, wollen auch Amelie, Anne, Arne und Svenja nach Abschluss ihres Studiums fester Bestandteil des Orchesters der Universität Kassel bleiben.

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