Carpe noctem. Nutze die Nacht.

Das RoboCup-Team am Campus.

Carpe noctem nennt sich das Team der Universität Kassel, das sich anschickt, den Roboter-Fußball so weit voranzubringen, dass im Jahr 2050 die metallnen Sportler den dann aktuellen Fußball-Weltmeister besiegen.

Ein ambitioniertes Ziel, das die derzeit neunzehn Mannen (es sind tatsächlich nur Männer) um Prof. Kurt Geihs, Fachgebietsleiter Verteilte Systeme am Fachbereich 16 Elektrotechnik / Informatik, da nennen.

Aus dem Blickwinkel Zeit wird der Name damit zum Programm. Nutze die Nacht.

 „Und so ist es auch – wir sehen bei unserer Arbeit selten das Tageslicht oder die Sonne. Deswegen benennen wir unsere Roboter-Fußballer auch nach Fledermäusen“, erklärt Teamleiter und Doktorand am FB 16, Dominik Kirchner.

Nase, Stürmer Nummer 9

Nase, der Stürmer mit der Nummer 9, verdanke seinen Namen etwa einem südamerikanischen Winzling, der Nasenfledermaus.

Nun hat Nase, dieser pyramidale, oberschenkelhohe, mit omnidirektionalen Rädern und Kameras versehene Roboter mit einem menschlichen Fußballer auf den ersten Blick nicht viel gemein. Muss er auch nicht.

12 x 18 Meter großen Spielfeld

Schließlich spielt Nase in der Middle-Size-Liga, der fußballerischen Königsdisziplin, und da sehen alle so aus wie er. In dieser Liga besteht ein Team aus vier Feldspielern und einem Torwart. Alle Roboter agieren dabei auf dem 12 x 18 Meter großen Spielfeld völlig autonom, werden also nicht von einem zentralen Rechner per Funk gesteuert, wie es etwa bei der kleinen Schwester, der Small-Size-Liga, der Fall ist.

Von daher sind die Anforderungen, die an Nase gestellt werden, besonders in den Bereichen Objekterkennung, Motorik, reaktives Verhalten, Schwarmkoordi-nation, Selbstlokalisierung und Pfadplanung extrem hoch.

Und dass Nase schon eine ganze Menge gelernt hat, zeigt uns Andreas Witch, wie Kirchner Teamleiter von Carpe noctem und ebenfalls Doktorand am Fach-bereich, in einer kleinen Demonstration.

Er legt sich in Wilhelm-Tell-Manier einen Ball auf den Kopf, bleibt ruhig stehen. Nase holt sich währenddessen ein zweites Spielgerät, nimmt Maß und schießt seinem Programmierer aus mehreren Metern Entfernung den Ball vom Haupt – und das gleich mehrmals hintereinander.

Gut gemacht, Nase. „Bei einem menschlichen Schützen hätte ich bestimmt nicht so ruhig hier gestanden“, schmunzelt Witch und vergisst auch nicht, auf Nases läuferische Qualitäten hinzuweisen.

Bei 2 m/sec rennt der kleine Kerl sein Spielfeld schneller ab als jeder Profikicker das seinige. Und wie realistisch ist es denn nun, dass Nases Urenkel Mitte des 21. Jahrhunderts den Kicker-Olymp tatsächlich besteigen werden? Schwer zu sagen.

Internationalen Turniere seit 1997

Von der wissenschaftlichen Infrastruktur stehen die Weichen jedenfalls auf Grün. So gibt es beispielsweise neben zahlreichen großen internationalen Turnieren seit 1997 jährlich Weltmeisterschaften im Roboter-Fußball, den RoboCup. Hier treffen sich über 2000 Forscher und Studenten, deren Teams gegeneinander spielen. In einem parallel stattfindenden Kongress werden die neuesten Erkenntnisse aus den Bereichen Robotik und Künstliche Intelligenz ausgetauscht.

„An der WM 2011 in Istanbul haben wir auch teilgenommen, ein tolles Erlebnis“, schwärmt Kirchner voller stolz, „zum Titel hat es in unserer Klasse leider nicht gereicht. Der ging an die Chinesen.“

Auch was die Technik anbelangt, ist man auf einem guten Weg. Die Roboter orientieren sich immer besser und schneller, lernen dribbeln, verfeinern das Mannschaftsspiel – und sind humanoid geworden. Mittlerweile treten in einer eigenen Liga, nach Größenklassen geordnet, menschenähnliche Roboter gegeneinander an.

Die Roboter der Kategorie AdultSize messen dabei mindestens 130 cm. Sie sind zwar noch etwas wacklig auf den Beinen und benötigen nach Stürzen menschliche Hilfe, um sich wieder aufzurichten, aber trotzdem kann man sich diese Humanoiden schon durchaus als Gegner kommender  Fußballer-generationen vorstellen. Und fast vierzig Jahre sind ja noch eine ziemlich lange Zeit.

Gehört ein radgetriebener Nase also demnächst zum alten Eisen? „Um Gottes willen, nein. Natürlich nicht. Die Erkenntnisse, die wir hier gewinnen, dienen einem viel wichtigeren Ziel, als irgendwann den Fußballweltmeister zu stellen. Sie fließen in Technologien ein, die dem Menschen ganz allgemein nutzen und ihm das Leben erleichtern sollen“, erklären die Teamleiter. So haben sich in jüngster Zeit zahlreiche anwendungsorientierte Wettbewerbe entwickelt.

Zu nennen ist etwa die Rescue-Liga. Hier stehen die Roboter vor der Aufgabe, in konstruierten verwüsteten Räumen autonom nach Überlebenden zu suchen. Da werden sicher viele von Nases schon heute vorhandenen Fähigkeiten benötigt.

Und Nase selbst trägt dann eben nicht mehr ein Leibchen mit der Nummer 9, sondern vielleicht eines mit dem Signet vom Roten Kreuz.

Übrigens, das Team freut sich immer über neue Mitglieder.

Mehr Infos:

FB 16, Elektrotechnik/Informatik
Fachgebiet Verteilte Systeme
Dipl.-Ing. Dominik Kirchner

Telefon 0561.804 6283
dki@vs.uni-kassel.de

www.vs.uni-kassel.de